Mittwoch, 12. Oktober 2011

Das hier ist Urlaub, Urlaub, Urlaub für's Gehirn


Tag 13 in Proserpine. Maybritt hat sich einen Day-Off genehmigt und Martin hat auch frei, während Papa Schmidt das (mehr oder weniger) ganz große Geld beim Tomatenpflücken macht .
Wenn man mal gerade nicht frei hat, laufen die Tage hier wie folgt ab:
Der Wecker klingelt um 04:25, 04:28 und 04:30, damit jeder sich dreimal freuen kann, besonders wenn Maybritt den Raum jeden Morgen mit einem neuen Trashhit beschallt (Drop it like it’s hot; P.I.M.P.; Vengaboys).  Während man dann sein Toast isst, packt man sein Gourmetmittagessen vom Vortag und die 4-Liter-Kanne Leitungswasser in den Rucksack und versucht sich dabei noch die Zähne zu putzen! Aus Zeitgründen stinkt die Arbeitskleidung schon seit einer gefühlten Woche. Der Tomatenpicker-Sonnenhut wird aufgesetzt und ab in den 12-Mann-Bus, dessen Kapazität völlig ausgenutzt wird, so dient auch mal der Boden als Liegeplatz. Die einstündige Fahrt zur Farm wird nämlich ausschließlich zum Schlafen benutzt (außer von Chrissi, der kann das nie!).
Le Bus
 
Dabei wirkt jedes Schlagloch, und die Fahrt ist durchgehend holprig, als potentielle Gefahr für einen gefährlichen Genickbruch. Im Glücksfall kann man bei Ankunft dann endlich arbeiten gehen.
Es wird in Teams gearbeitet, ein volles Team besteht aus  13 Pickern und einem Driver. Während jeder Pflücker mit einem Eimer ausgestattet ist, in den er emsig Tomaten sammelt bis die letzte Frucht das Fass zum Überlaufen bringt, bewegt sich der Driver mit einem Truck samt Anhänger neben dem fleißigen Feld und trägt keine Tomaten, sondern lediglich die Verantwortung.



Le Sebi, einer unserer netten Mitbewohner :)


Die vollen Eimer (Bucket) werden in einen Bin (zu Deutsch: Korb) geleert, der etwa 80$ bringt.
Wie viel am Ende für einen rausspringt, hängt davon ab ob die Reihen gut bestückt sind und ob andere Teammitglieder außerordentlich übermotiviert sind (oder auch eben nicht), wie z.B. die Koreaner, deren Teams ein Gehalt von sogar 250$ pro Person pro Tag erreichen, was sich das Beginnerteam nicht mal zu träumen wagt. Hier lösen 120$ schon Freudenschreie aus.
Le Lunch Break
Wenn man nach 10 Stunden Tomatenspaß die heiße Sonne von A nach B wandern gesehen hat und so langsam aufhört, mit Songs wie „I just can’t get enough“ oder den neuesten Smashhits der koreanischen Hitparade, die aus den iPhones diverser Koreaner tönen, sich den letzten Funken Motivation aus dem kleinen Finger zu kratzen, wird kurz vor Feierabend gegen 17 Uhr oder 18 Uhr auch schon mal mit Tomaten geworfen.
Denkt man sich jetzt noch die Rückfahrt dazu, die von der freundlich-direkten Busfahrerin auch mal mit Bonbons versüüüßt wird, kann man sich ungefähr vorstellen, was wir den ganzen Tag so treiben.
Dann ist man im Hostel, ist dort aber leider nicht der Einzige, der duschen will (das jemand dann auch noch 15 Minuten duscht, ist auch schon mal vorgekommen) und macht von durchdachter Arbeitsteilung Gebrauch um die wenigen Reststunden des Tages mit sinnvollen Dingen, wie z.B. Essen kaufen, vorbereiten und  verschlingen, sowie Wäsche waschen und telefonieren und schlussendlich schlafen zu nutzen. „Arbeiten, Essen und Schlafen“ ist  was den Tagesablauf bestimmt.

Dass man tagsüber für nichts Anderes mehr Zeit hat, macht uns aber gar nichts aus. Proserpine bietet uns nach Feierabend eine Reihe an geschlossener Geschäfte an und eine Zuckerfabrik, deren Wolken das Dörfchen vernebeln und in einen nicht sehr schmeichelhaften Geruch tauchen. Zum Beispiel hat Maybritt auch Zeit die kundenfreundlichen Öffnungszeiten der Bank, Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr, zu nutzen, um ihre Kreditkarte bei der Westpac abzuholen, damit sie auch mal an ihr Geld kommt, um die wöchentliche 180$-Miete im Hostel  und Schminksachen und Puppen und was Mädchen so brauchen, zu kaufen.  Ach nee, deswegen hat sie ja heute den Day-Off!
Chrissi hat es quasi auf der Tomatenkarriereleiter weiter nach oben geschafft und erhofft sich in einem besseren Team mehr Geld, was im Gegenzug mehr Anstrengung bedeutet, aber soweit auch ganz gut zu klappen scheint.  May macht die restlichen zwei Wochen, für die man unterschrieben hat auch noch mit. Und Martin, der alte Schlingel, macht sich heute aus dem Staub und versucht sein Glück in der Nachbarstadt Airlie Beach.  Die Dreierkombo will sich sobald wie möglich wieder vereinen, spätestens wenn alle für den Anfang erst mal genug gearbeitet haben und sich dann endlich den ersten Touren widmen. Kauft fair gehandelte Tomaten!
P.S.: Internet gibt es hier nur wenn man werktags in die Bibliothek geht, und das ist bisher nur einmal vorgekommen. Wundert euch deswegen nicht, wenn der nächste Blogeintrag von Martin kommt! Chrr
P.P.S.:  Wer in Australien bei Burger King speist, isst unsere Tomaten!
P.P.P.S.: Chrissi’s Angst vor Spinnen und Schlangen und sonstigem Kruppzeug war ziemlich unbegründet. Auf den Bowen’schen Tomaten-Plantagen wird angeblich „mit Zeug gespritzt, das in Deutschland seit den 80ern verboten ist“. Demnach sind wir vor Schlangen- oder Spinnenbissen sicher, kämpfen allerdings mit Ausschlag, Kopfschmerzen und diversen anderen Weh-Wehchen.